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Fachartikel Computerworld Fokus
Ende November werden Windows Vista und 2007 Office System für Unternehmen verfügbar. Viele IT-Abteilungen befassen sich jetzt mit Feature-Listen, Rollout-Strategien und Management-Optionen. Doch wie bedienungsfreundlich sind Vista und das neue Office?
Von: Jacqueline Badran, Zeix AG
Die meisten Anwender dürften als Umsteiger von Windows 2000 oder XP zu Vista wechseln. Für sie ändert sich erst einmal wenig: Nach Systemstart und Login erscheint der gewohnte Desktop mit Startmenü und Taskleiste, wenn auch mit einer aufpolierten Benutzeroberfläche. Die Anordnung von Bedienelementen und Menü-Funktionen zeigt sich aber fast unverändert. Angenehm ist der neue Systemfont Segoe UI, eine Frutiger-ähnliche Schrift, die sorgfältig bildschirmoptimiert wurde und sich in der vorgewählten Grösse von 8 Punkt gut und ermüdungsarm lesen lässt.
Bessere Orientierung
Ein wesentliches Plus für den User sind die stark ausgebauten Orientierungshilfen und die erleichterte Auffindbarkeit von Dateien und Funktionen: Zum Beispiel löst Windows Vista endlich das «Fenster-Problem». Die User-Forschung zeigt immer wieder, wie schwer es selbst erfahreneren Usern fällt, bei mehreren offenen Fenstern die Orientierung zu behalten. Abhilfe bietet jetzt der Fenstermanager Windows Flip 3D, erreichbar per Icon in der Taskleiste. Er visualisiert alle geöffneten Fenster als seitlich einsehbaren Stapel, den man per Scrollrad oder Cursortasten intuitiv durchblättert oder direkt anklickt. Dies spart Mauswege und Suchzeit.
Bei Mausberührung (Mouseover) der Taskleisten-Buttons zeigt Windows Vista zudem die Echtzeit-Miniaturen der Inhalte: Sind beispielsweise viele Browserfenster minimiert, erweist sich die Vorschau als taugliche Erkennungshilfe.
Schade nur, dass mit dem neuen gläsernen Look der Benutzeroberfläche Aero die ehemals klare Kennzeichnung des aktiven Fensters verschwunden ist. Hat man mehrere Fenster nebeneinander angeordnet, fällt es je nach Hintergrund schwer, das jeweils aktive zu identifizieren.
Schnellere Auffindbarkeit
Einen wesentlichen Schritt zur schnelleren Auffindbarkeit von Dateien geht Windows Vista mit der Anzeige von Pfaden in der Systemsteuerung und im Windows Explorer:
Hilfe im Dokumentendschungel
Ein Usability-Highlight ist die verbesserte Suchfunktion. Neu verfügt jedes Explorer-Fenster sowie das Startmenü über ein Suchfeld. Damit erübrigt sich der bisherige Umweg via Schaltfläche. Im Hintergrund arbeitet neu eine Desktop-Suchmaschine, die schon kurz nach der Eingabe erste Treffer liefert. In der «vergooglisierten Welt» ist dies eine Funktion, die bei den Usern erfahrungsgemäss Anklang findet, wenn sie auch Folgeprobleme mit sich bringt: So zeigt sich in der Usability-Testpraxis, dass allzeit verfügbare Suchfunktionen den User verführen können, die Ablagesystematik und Kategorisierung von Dateien zu vernachlässigen ? ein ohnehin virulentes Problem.
Kulturschock in der Konfiguration
Wirkliche «Usability-Bugs» liegen beim bekannten Problemkind Systemsteuerung vor: Eine aufgabenorientierte Benutzerführung mit handlungsbezogenen Navigationsbegriffen wie «Bildschirmhintergrund ändern» soll die ursprünglich technische Gliederung und Benennung der Funktionen ablösen. Viele Verwaltungs- und Einstelloptionen wurden getreu diesem Ansatz in Kategorien gefasst und zu Übersichtsseiten aggregiert. Hierbei setzt Microsoft auf ein Web-ähnliches Darstellungs- und Navigationsprinzip. Wichtige Regeln der Web-Usability bleiben leider unberücksichtigt. Usability-Tests zeigen, dass sich die meisten User an der Navigation orientieren und damit ein mentales Modell der verfügbaren Inhaltskategorien und Handlungsoptionen aufbauen. Die Systemsteuerung führt zwar links scheinbar eine Navigation mit, tatsächlich wird die Spalte eher willkürlich für wechselnde Inhaltsarten verwendet. Die Kategorien der Funktionen bleiben unscharf, so dass Lerneffekte schwierig zu erzielen sein dürften.
Hinzu kommt, dass man hinter der freundlichen Fassade der Systemsteuerung oft noch auf Einstelldialoge und Begriffe nach altem Strickmuster trifft. Dieser «kulturelle» Bruch verwirrt den User und hinterlässt den Beigeschmack einer Übergangslösung.
Windows lesbar für alle
Schliesslich hat Microsoft für Windows Vista den barrierefreien Zugang um eine GUI-Steuerung per Spracherkennung erweitert. Diese reagiert recht zuverlässig auf Standardbefehle und Navigationsanweisungen.
«Webisierung» von Office 2007
Worauf die zukünftige Entwicklung der Windows-Benutzerschnittstelle hinzielen könnte, zeigt Microsoft mit Office 2007 gleich selbst: Für die Neuauflage des Büropakets haben die Redmonder einen fundamentalen Schnitt gewagt und das althergebrachte Bedienkonzept gleich ganz über
Bord gekippt. Stattdessen ordnet ein Reiterkonzept à la Web in Word, Excel und Powerpoint die Schaltflächen der Symbolleiste neu spezifisch pro Reiter. Der User bekommt eine überschaubare Anzahl kontextrelevanter Bedienelemente auf einer einzigen Hierarchieebene präsentiert. Zusätzlich steht dem User oben eine weitere Symbolleiste für seine meistgebrauchten Funktionen zur Verfügung. Bedienelemente, die immer mitgeführt werden sollen, kann man dort individuell anlegen.
Der Vorteil ist offensichtlich: Bei gleichem Funktionsumfang entfällt das Hangeln durch verschachtelte Menüs, ein einzelnes Funktionsfeld ersetzt den vormaligen Wust an Werkzeugleisten, Dialogen und Paletten. Einziger Haken: Einige häufig genutzte Funktionen wie das Öffnen und Speichern von Dateien sind oben links hinter der unbeschrifteten Schaltfläche «Office» verborgen. Auch einige Begriffe der Menüführung sind etwas unglücklich gewählt. Da es nicht viele sind, dürften sie aber erlernbar sein. Insgesamt handelt es sich hier um ein klares und konsistentes Konzept, das langjährigen Usern zwar Eingewöhnung abverlangt, aber rasch akzeptiert werden dürfte.
Endlich: Ausbau der User Education
Massiv ausgebaut haben Windows Vista und insbesondere Office 2007 die (auto-)didaktischen Hilfsmittel, also die Massnahmen zur User Education. Alle Funktionen werden neu anschaulich in Mouseover-Kontexthilfen erklärt. Bravo!
Grund zur Freude
Die User haben Grund zur Freude, solange sie nicht konfigurieren müssen. Die wesentlichen Gewinne durch Windows Vista liegen in der erleichterten Orientierung beziehungsweise dem raschen Zugriff auf Dokumente über die Suche und schnellere Navigationspfade. Durch die deutlich bessere Suche kann das oft verwahrloste Dokumentenmanagement effizient übersteuert werden. Da das «Learning by doing» wesentlich besser unterstützt wird als bisher, dürfte der Schulungsbedarf in den Unternehmen gering ausfallen. Dank neuem Office wird letztlich die Produktivität steigen und der übliche Ärger am Computer sinken.
Auch wenn die Usability von Windows Vista längst nicht perfekt ist, gibt es genügend Grund zur Freude für User und Unternehmer. Man staunt, dass derselbe Hersteller mit der zeitgleich erscheinenden Office-Version so forsch Neuland betritt. Immerhin leistet man es sich, dem meistverbreiteten Anwendungssoftware-Paket der Welt ein Bedienkonzept zu verpassen, das der meistverbreiteten Systemoberfläche der Welt noch weit voraus ist.